Was ist Kontemplation?
08/10/2010 Hinterlasse einen Kommentar
Geht Meditation und Christsein zusammen? Was ist Kontemplation? Was ist das Jesusgebet? Sind meditieren und aktives übernehmen von Verantwortung Gegensätze? Wozu soll das regelmässige Üben von Meditation gut sein? Was bedeutet der Begriff Kontemplative Exerzitien?
Diesen Fragen möchte der folgende Artikel nachgehen.
Einordnung: Die kontemplativen Exerzitien nach Franz Jalics sind einer von vielen möglichen Wegen christlich-kontemplativen Betens. Sie führen hin zum Jesusgebet, zum stillen Verweilen vor Gott mit dem einfachen Wiederholen des Namens Jesus Christus. Das kontemplative Beten ist kein intellektueller Akt, sondern eine einfache Hinwendung zu Gott. Alles darf vor Ihm sein. Dass Gottes Liebe bedingunglos ist und uns geschenkt wird, ist tatsächlich unverständlich. Unerfahrbar aber ist es nicht. Wenn wir uns zu Ihm hin öffnen, verwandelt Er uns und ermöglicht uns, Seine Liebe auch an andere weiter zu schenken. Ein Weg zu dieser Erfahrung ist die Kontemplation, andere Begriffe sind Inneres Beten oder Meditation. Sie ist sehr einfach, aber nicht immer leicht und doch kann sie jeder lernen.
Ein Übungsweg: Nun wissen wir alle, gerade wenn wir in die Stille gehen, dass unsere Aufmerksamkeit unstet und flüchtig ist, dass wir immer wieder von Gedanken, Gefühlen und Bildern abgelenkt und zerstreut werden. Es ist also ein Weg, ein Übungsweg vonnöten, auf dem wir lernen, mit unserer Aufmerksamkeit an einem Ort zu verweilen und sie nach und nach mehr nach innen zu richten, nach innen, dem Ort der Gegenwart Gottes in uns. Die kontemplativen Exerzitien sind ein solcher konkreter Übungsweg mit aufeinander aufgebauten Schritten: über die Wahrnehmung mit den äusseren Sinnen (Natur- und Körperwahrnehmung) geht der Weg zur Wahrnehmung mehr mit den inneren Sinnen (Energieströme im Körper, innerer Ton) hin zu geistigen Wahrnehmungen (Stille, Ruhe, Frieden, Gegenwart), bis die Aufmerksamkeit sich schliesslich (im Rahmen dessen, was uns als Menschen möglich ist) auf die Gegenwart Gottes richten kann.
Selbsterkenntnis: Parallel zu diesen genannten Schritten geht es immer auch um eine vertiefte und ehrliche Selbstwahrnehmung: auf dem Weg nach innen, zur Quelle in unserer Tiefe, zum Ort, wo Gott in uns lebt, begegnen wir immer auch uns selber, es geht gar nicht anders. Uns selber, mit all unseren erfreulichen und auch mit den weniger erfreulichen Seiten. Das kann Angst machen, weh tun, Widerstand hervorrufen. Aus diesem Grund sind wir in Bezug auf Gebet und Stille meistens ziemlich ambivalent: wir sehnen uns danach und gleichzeitig weichen wir aus. Es kann deshalb eine hilfreiche Ergänzung zum eigenen Üben sein, ab und zu in einem Kurs gemeinsam mit anderen und mit erfahrener Begleitung zu meditieren.
Aktion und Kontemplation: Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass kontemplative Menschen sich aus der Verantwortung für die Welt und die Menschen entziehen würden. Das Gegenteil ist der Fall. Bis auf wenige Ausnahmen sind kontemplative Menschen intensiv für ihre Mitmenschen engagiert. Allerdings verlagert sich die Wirksamkeit ihrer Aktivitäten mehr vom Machen und Organisieren auf die Ausstrahlung. Die Stille kann viel Klarheit und Kraft und Freude schenken. Von dieser Mitte her wird die Aussenwelt anders erlebt. Die Wichtigkeit von Erfolg oder Misserfolg in den eigenen Aktivitäten relativiert sich. Der kontemplative Weg verändert sowohl die Beziehung zu Gott als auch zur Welt und den Menschen. Kontemplatives Gebet ist ein sehr konkreter Weg, das Wort Jesu aus der Bergpredigt zu verwirklichen: sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch dazugeschenkt werden.